Die Zeit der Ernte

Im Newsletter zu Mabon habe ich das Thema Ernte bereits angeschnitten und es gab viele Rückmeldungen zu den Gedanken rund um die Ernte. Vertiefen wir dieses Thema also einmal in aller Ruhe, denn es spielt in den Zyklen der Natur und des Lebens eine wichtige Rolle.

Als moderne naturspirituelle Menschen versuchen wir uns wieder mit den Zyklen der Natur zu verbinden und das führt einen schnell zu der Frage:

 

Ich ernte?

Man muss kein Feld und keinen Garten haben, um zu ernten. Das ist ein häufiges Mißverständnis. Jeder von uns erntet zum Beispiel die sprichwörtlichen Früchte der Arbeit. Die Abläufe sind dieselben, ob man den Boden vorbereitet, sät, gießt, Unkraut jätet und mit dem richtigen Wetter eine schöne Ernte im Garten hat. Oder ob man etwas vorbereitet, sich einsetzt, sich kümmert und schließlich, wenn die äußeren Umstände mitspielen (das »Wetter« sozusagen) ein Ziel erreicht hat – so oder so ist es eine Ernte.

Wir alle ernten jeden Tag, diese Zyklen spielen sich nicht nur im Laufe eines Jahres ab, sondern viele, viele Male im Alltag. Deshalb ist es auch so wichtig, bewusst damit umzugehen. Man sollte dieses Thema nicht überhöhen und auch nicht nur auf die Erntefeste beschränken. Dadurch würde man es »zu heilig machen«, wie ich das gerne nenne. Man stellt es auf ein Podest und kommt dann nicht mehr ran.

Dafür ist es zu wichtig, denn es betrifft direkt das, was wir im Leben bekommen, was wir als Ernte für unsere Bemühungen einfahren. Deshalb gehen wir auch gleich mal einen Schritt zurück, zum Punkt, an dem alles beginnt und das führt uns zur nächsten Frage.

 

Was baue ich da eigentlich an?

Beim Kartenlegen höre ich manchmal den Satz »Das hat sich so ergeben.«. Wir alle kennen solche Situationen, irgendwie ist man hineingeschlittert. Man fühlt sich nicht wirklich wohl, kommt aber nicht so einfach wieder raus.

Wir kennen das Sprichwort »Wehret den Anfängen!«. Die Asiaten sehen das ganz ähnlich, wenn auch etwas netter formuliert. So sagte Laotse:

Plane das Schwierige da, wo es noch leicht ist!
Tue das Große da, wo es noch klein ist!
Alles Schwere auf Erden beginnt stets als Leichtes.
Alles Große auf Erden beginnt stets als Kleines.

Da möchte man gleich noch Konfuzius zur Wort kommen lassen, mit seiner Empfehlung:

Wer neu anfangen will, soll es sofort tun,
denn eine überwundene Schwiergkeit
vermeidet hundert neue.

Halten wir also fest: weltweit sind die Menschen auf ähnliche Schwierigkeiten und zum Glück auch Lösungen gekommen, wenn es darum geht, etwas besseres zu ernten in ihrem Leben. Man muss zu Anfang überlegen, da »wo es noch leicht ist«. Diesen Punkt verschwitzen wir westlichen Menschen mit unserer Getriebenheit oft und halsen uns immer mehr auf.

»Ach, das geht schon!« sagen wir schnell und hören gar nicht in uns hinein, ob wir diesen Samen wirklich in unseren Lebens-Garten pflanzen wollen. Passt er zu den anderen Pflanzen? Wie viel Platz braucht diese Pflanze überhaupt? Wie viel Wasser, Dünger und Pflege?

Was wir im Garten selbstverständlich planen, lassen wir im Leben einfach so passieren und wundern uns dann, wenn es irgendwann »wie Kraut und Rüben« aussieht. In den Beratungen höre ich machmal »Bei mir brennt es eigentlich überall. Ich kann dir spontan gar nicht sagen, welches Thema das wichtigste ist.«. Dann können wir nur behutsam anfangen den Garten zu ordnen.

Was sich über längere Zeit eingeschlichen hat (unser reflexhaftes »Ach, das geht schon!« hat es uns eingebrockt), kann man nicht von heute auf morgen ändern, als würde man einen Schalter umlegen. Genau so, wie man einen Garten nicht von einem Tag auf den anderen gestalten kann.

Und gestalten ist das entscheidende Wort. Man kann sich nicht alles aussuchen im Leben, aber man kann gestalten, was man da vor sich hat. Stück für Stück wird aus einem verwilderten Grundstück eine kleine Oase und das ist die Mühe allemal wert. Denkt nicht an die Mühe, die es macht. Denkt an die Freude, die ihr haben werdet.

Zum Schluss möchte ich noch ein Punkt erwähnen, der auch leicht übersehen wird.

 

Die Ernte ist erst der Anfang

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Oma eingekocht hat, wie im Herbst Saft gekocht und in Flaschen abgefüllt wurde und der Keller ihres Hauses zum Winter hin eine prall gefüllte Vorratskammer war. Dadurch habe ich als Kind  gelernt: es ist gut, wenn man Reserven hat und im Idealfall bestanden sie aus Erdbeer-Gläsern.

In der heutigen Zeit gucken wir viel auf Ziele und wenn wir sie erreicht haben, rennen wir weiter. Wie bereits erwähnt übersehen wir manchmal, wofür wir eigentlich Samen setzen. Wir vergessen aber auch noch etwas anderes: einzulagern und unsere Reserven zu füllen. Ich werde hier nicht das Blaue vom Himmel reden: Es ist nicht einfach. Wir sind nicht plötzlich zu ungelenk zum entspannen geworden, wir werden gefordert. Von klein auf heißt es »schneller, höher, weiter«.

Das führt zu der paradoxen Situation, dass wir uns als Versager fühlen, wenn wir auf eine verrückte Situation normal reagieren. Jammern hilft trotzdem nichts, frei nach Gandhi müssen wir selbst die Veränderung leben, die wir uns im Großen wünschen.

Dazu gehören auch die Vorräte, die äußeren, aber ganz besonders die inneren. Und da hat unsere heutige Zeit dann auch wieder einen großen Vorteil: jeder kann das Passende für sich finden. Sei das Meditation, Yoga, QiGong, freudiges Kochen zum entspannen, regelmäßige Spaziergänge – ja, diese üblichen Verdächtigen funktionieren wunderbar. Man muss es nur machen. Man muss gestalten, darum kommt man nicht herum.

Unsere Zeit mag viele Herausforderungen bieten, aber wir haben auch Chancen wie nie zuvor. Wir müssen also zupacken, ausprobieren, ändern, verwerfen, neu beginnen – das kann uns niemand abnehmen. Wir können es tun, wenn wir unsere Werte neu sortieren und eigene Wege finden. Was viele scheinbar einzelne Menschen tun, hat Einfluss und verändert die Dinge.

Es braucht Zeit, aber wenn man nur mal guckt, was sich Vegetarier vor zehn Jahren mühevoll auf Speisekarten zusammensuchen mussten und wie selbstverständlich heute mindestens ein ordentliches vegetarisches Gericht ist, merkt man, dass sich da etwas tut. Das ist nur ein Beispiel unter vielen und es braucht Zeit, bis sich eine Kultur wandelt, aber sie tut es. Und sie tut es letztendlich nur, weil Einzelne sich ändern.