Muss man als Hexe geboren sein?

Manche Fragen erreichen mich sehr häufig und wenn es den Evergreen schlechthin unter diesen Fragen gibt, dann ist es: Muss man als Hexe geboren sein? Diese Frage wird auch nach vielen Jahren noch kontrovers diskutiert und auf ihre Weise haben viele Seiten Recht, es kommt nur auf den Blickwinkel an. Nehmen wir es also in Ruhe unter die Lupe.

 

Erst einmal: frisches Denken

Bevor wir uns der eigentlichen Frage widmen, müssen wir erst einmal etwas Dünkel beiseite fegen. Denn oft wurde diese Frage gar nicht wirklich gestellt, also mit dem Ziel sie zu beantworten. Sie wurde gestellt um andere auszuschließen.

Während sich die Fragesteller als Hexen der ersten Stunde sahen (sie waren selbstverständlich „richtige“ Hexen), wurden andere gerne als „Möchtegern-Hexen“, Fluffy Bunnys (vor allem im englischsprachigen Raum) oder „selbsternannte Hexen“ bezeichnet.

Halten wir uns die alte Weisheit vor Augen: Was jemand sagt, sagt vor allem etwas über diese Person und ihre Gedanken aus. Wer so über andere denkt, erzählt damit eine ganze Menge über sich selbst und die eigenen Wünsche nach Abgrenzung und Anerkennung. Das sagt aber nichts über Hexen an sich aus.

 

Eine Phase des Übergangs

Diese Diskussionen gab es besonders stark beim Aufblühen des Hexentums, als viele Menschen begannen, sich dafür zu interessieren. In gewisser Weise zeigt es einfach eine Unsicherheit, durch die viele gehen, wenn sie einen neuen spirituellen Weg betreten. Das gilt ja auch für andere Religionen: Niemand ist so dogmatisch wie frisch Beigetretene, die alles richtig machen wollen.

Das Hexentum hat, wie so viele naturspirituelle Wege, keine Oberhäupter, die eine eng umrissene Richtung vorgeben und definieren, wer denn nun eine Hexe ist und wer nicht.

Wer noch sehr an definierte, dogmatische Religionen gewöhnt ist, versucht dann eben auch im Hexentum genaue Grenzen abzustecken. Im Grunde ist das ein Teil des Übergangsprozesses, wenn man das Alte ablegt und sich noch nicht an die Freiheit gewöhnt hat. Wir müssen unseren Blick also verfeinern und auf die Fakten schauen, wenn wir dieser Frage auf den Grund gehen wollen.

 

… und doch kein Einheitsbrei

Auf der anderen Seite hat das Hexentum einen undefinierbaren, aber doch sehr spürbaren Kern. Es ist verständlich, dass Menschen, die diesen Weg lieben, nicht möchten, dass er in der Gebrauchs-Esoterik untergeht. Wir haben da allerdings Glück, denn die Ambivalenz des Wortes „Hexe“ wirkt wie eine schützende Hecke. Wer sich so bezeichnet, der meint es auch ernst damit. Da gibt es eine ganz andere Hemmschwelle, als bei anderen Wegen.

Viele Praktiker anderer Traditionen, wie z.B. des Reiki, sind von der Gebrauchsesoterik förmlich überrollt worden, bis schließlich alles und nichts irgendwie als Reiki betrachtet wurde. Ähnliches gilt auch für schamanische Pfade, wo manchmal sonderbare Blumen blühen, die kein traditioneller Schamane so unterschreiben würde.

Diese Bauchschmerzen bekommen Hexen also weit seltener, als Praktizierende anderer Wege. Man weiß nie, was kommt, aber ich glaube nicht, dass wir uns Sorgen machen müssen ein großer „Trend“ zu werden. 😉

 

Begabungen – unsere Gaben

Letztendlich entscheiden nicht andere Menschen, sondern „die da oben“, wer eine Hexe ist. Es ist eine Gabe, etwas, das einem mitgegeben wurde. Ganz ähnlich wie man eben auch in Mathematik und Naturwissenschaften, künstlerisch oder in Sprachen begabt sein kann. Oder in mehreren Dingen. Oder in mehreren Dingen unterschiedlich stark – oder schwach.

Denn auch mit der Begabung sind wir noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. Jeder, der sich in spirituellen Kreisen bewegt, kennt das Phänomen: manchmal sind die Begabtesten diejenigen, die am wenigsten auf die Beine stellen. Ihre Gabe ist selbstverständlich für sie, so dass sie sie nicht groß pflegen. Das ist wie mit einem schönen Garten, der langsam von Unkraut überwuchert wird.

Ein anderer hat vielleicht nur ein karges, kleines Gärtchen, aber mit Liebe, Geduld und Hingabe wachsen dort die schönsten Blumen. Es geht also um Hingabe und nicht zuletzt – wie es oft gesagt wird, weil es tatsächlich so ist – um das Gefühl, im Hexentum nach Hause zu kommen.

Das ist der entscheidende Punkt. Viele probieren diesen Weg, manche lassen sich für ihre Wege vom Hexentum inspirieren (die acht Jahreskreisfeste der Hexen sind z.B. von einigen Wegen übernommen worden). Aber nur ein gewisser Teil ist nach zwei, fünf oder zwanzig Jahren noch dabei und fühlt sich immer noch zu Hause und angekommen. Oft auch mit Pausen, in denen der Alltag die Spiritualität übertönt. So ist das echte Leben nun einmal, gerade heutzutage, wo es extrem hektisch zugeht.

Ein spiritueller Weg, der zu einem gehört, wartet auf einen. Er klopft immer wieder an. Man kann ihn nicht verlieren oder vergessen. Das geht viel tiefer als es ein esoterische Trend je könnte. Das gehört zu einem und das kann man nicht „machen“.