Rationales Denken und Spiritualität

Viele Menschen beschäftigt in unserer Kultur die Frage: Wie kann ich mich vernünftig mit dem Spirituellen beschäftigen?

Sie spüren – oft nicht zum ersten Mal – dass es sie zu diesen Themen hinzieht. Gleichzeitig gibt es da eine innere Barriere, hinter der eine große Sorge steht: Woher weiß ich, dass ich nicht den Boden unter den Füßen verliere, wenn ich mich damit befasse? Werde ich dann vielleicht irrational oder irgendwie sonderbar?

 

Eine kulturelle Frage…

In meiner Arbeit als Hexe lerne ich viele Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln kennen und von ihnen kann man einiges lernen über den gelassenen Umgang mit dieser Frage. Das ist nämlich ein sehr westlicher Glaubenssatz: entweder man ist rational bei klarem Verstand oder man ist vernebelt spirituell drauf – sprechen wir es ruhig einmal direkt aus, denn das sind ja die Befürchtungen, die dahinter stehen.

In anderen Teilen der Welt würde sich diese Frage gar nicht stellen. Einer Japanerin oder einem Japaner (sie sind nur ein Beispiel unter vielen) könnte man das nicht weiß machen. Entweder-oder? Wozu die Trennung? Warum nur die Hälfte der eigenen Möglichkeiten nutzen? Nichts spricht dagegen in einem Hochtechnologie-Land zu leben und gleichzeitig Schreine und Tempel zu besuchen, in denen die Ahnen und die unterschiedlichsten Götter verehrt werden.

Wenn wir gerade in Asien sind, auch bei den Chinesen lassen sich knallharte Geschäftsleute vor wichtigen Abschlüssen gerne ein Horoskop erstellen, um sicher zu gehen, dass sie sich in Harmonie mit den kosmischen Einflüssen befinden. In unseren westlichen Breiten gab es die rechte „Stundenwahl“ auch noch vor nicht allzu langer Zeit.

 

Warum nur die Hälfte der Möglichkeiten nutzen?

Um diese Frage aufzugreifen: Wieso sollte man sich also nur auf die eine Hälfte – das Rationale – beschränken? Jeder Mensch hatte schon einmal Vorahnungen oder Erlebnisse, die besonders waren und der alltäglichen Logik widersprachen. Im Grunde weiß also jeder aus eigener Erfahrung, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als mancher meint.

Offensichtlich hat uns Mutter Natur mit beidem ausgestattet: der rationale Geist zum logischen Denken und das intuitive Gespür, unser natürlicher Instinkt, für all die Dinge, die dieser Geist nicht greifen kann oder bei denen er überfordert wäre.

Mittlerweile gibt es auch bei uns erfolgreiche Manager, die sich der Intuition zuwenden. Ihre Erfahrung besagt, dass die heutige Geschäftswelt so komplex ist, dass man rein rational nicht mehr hinterher kommt.

Für sie ist die Intuition ein Weg um Zeit zu sparen und gute Entscheidungen zu treffen. Und zwar solche, bei denen es nicht bloß vorher in der Theorie logisch aussah, sondern bei denen es hinterher wirklich in der Praxis funktioniert.

 

Die Sorge vor dem Irrationalen

Viele Leute haben für sich ganz persönlich die Bedenken: Wenn ich mich damit befasse, vielleicht verfange ich mich dann in etwas sonderbarem und finde den Ausgang nicht mehr?

Diese Sorgen muss man ernst nehmen und auch hier wieder beide Seiten sehen. Auch im Rationalen kann man sich verfangen, sehr sogar. Das sehen wir jeden Tag bei all den Menschen, die aus Sachzwängen und rationalen Erwägungen heraus gegen ihr Gewissen und ihr gesundes Empfinden handeln.

So manchen führt das bis ins Burnout, obwohl das Gefühl schon lange gewarnt hatte, aber das war ja nicht rational genug, als dass man darauf gehört hätte. Wenn wir ehrlich sind, verfangen wir uns alle hin und wieder im Rationalen.

Für die meisten Menschen in unserer Kultur ist das sich-verfangen in der Rationalität ohne den gesunden Ausgleich durch das Gefühl und die Intuition viel gefährlicher und auch realer, als dass ihnen die Intuition den Boden unter den Füßen wegziehen würde.

Um das ganz klar zu sagen: wer das Spirituelle mit dem Herzen, vernünftig und ruhig auch mit einer freundlich-hinterfragenden Haltung erkundet, hat nichts zu befürchten.

 

Der Hunger nach Sinn

Oft rutschen Menschen nur deshalb in eine schwierige Situation hinein, weil sie seelisch und spirituell völlig ausgehungert sind. Da wird gar nicht groß hingeschaut, was man genau macht, Hauptsache man wird erstmal satt.

Man kann das 1:1 mit dem Essen vergleichen, weil es ein ähnliches Bedürfnis ist. Wer lange Zeit so gut wie nichts gegessen hat, stürzt sich auf alles, was er findet. Mit etwas Glück ist es das Richtige, mit etwas Pech läuft man genau den falschen Leuten in die Arme.

Viele füllen die Sinnfrage auch mit anderen Dingen, mit Shopping, mit Status-Symbolen aller Art, mit Geschäftigkeit oder Medienkonsum. Eine Frage stellt sich dabei unweigerlich: Ist diese Art seelisch zu „futtern“ denn so viel besser, als direkt den Hunger nach Sinn einzugestehen und nach Dingen zu suchen, die langfristig „satt“ machen?

Sind beispielsweise Meditation oder ein sinnstiftendes Ritual wirklich so viel abwegiger als die zwanzigste Handtasche, die man in der Hoffnung kauft, sich seelisch satt und glücklicher zu fühlen? Zumal sich dieser Effekt schnell abnutzt und schon muss etwas Neues her.

Für viele ist ein guter Anfang gemacht, wenn sie sich eingestehen: Ja, ich habe spirituellen Hunger – und nein, ich weiß noch nicht, was mir „schmeckt“. Ich habe ein paar Ideen, aber ich muss erst noch probieren. Das ist eine klare Ansage und daraus kann man etwas machen. Ein paar Tipps für den Start findet ihr im folgenden.

 

Gute Grundregeln für den Start

Mache nichts, bei dem deine innere Stimme dich warnt und sei es ein noch so kleines Ziehen in der Magengegend. Selbst wenn du es nicht begründen kannst: es läuft doch nichts weg. Du hast Zeit. Es gibt keinen guten Grund zu hetzen, aber manchmal sehr gute Gründe für eine Pause zum nachdenken.

Lass dich nicht von deinem „Hunger“ überrollen, zum Beispiel im Schwung der Euphorie, sondern wähle bewusst aus.

Stelle Fragen, vor allem auch dir selbst. Warum zieht mich das so an? Was erwarte ich mir? Du musst es nicht zerpflücken und kleinreden, aber es ist gut, die eigenen Motive zu kennen.

Probiere, lege dich nicht gleich fest. Gerade Anfänger definieren sich gerne, das gibt einfach Halt. Es kann aber auch dazu führen, dass man zu eng denkt und z.B. an LehrerInnen gerät, die alles in Gut- und Schlecht-Schubladen einsortieren. Damit steckst du schnell fest, anstatt dich frei zu entfalten.

Du musst nicht als ErsteR im Ziel ankommen. Es geht um den Weg an sich. Du musst keine Leistung erbringen, keine Stufen erklimmen, nicht die oder der Beste sein und auch nicht vor allen anderen glänzen.

Alles wird kommen, wenn die Zeit dafür reif ist. Bis dahin gehe deinen Weg. Danach passiert nämlich nichts großartiges: du gehst auch nach einem „Aufstieg“ weiter deinen Weg, mit Höhen und Tiefen. Jeder, der dir spirituelle Knalleffekte oder ein ewiges Verweilen auf Wolke 7 verspricht, spielt mit deiner Unerfahrenheit. Darum geht es nämlich gar nicht, es geht um Sinn, um spirituelles zu-Hause-sein und auch darum, sich immer wieder neu zu finden und zu entwickeln.