Spiritualität finden

Manche Themen sind immer wieder neu aktuell, so auch die Frage nach der Spiritualität. Das Wort wird so häufig verwendet, dass man vielleicht erst einmal darüber reden sollte.

 

Glaube und Spiritualität werden manchmal als Gegenspieler betrachtet, aber das ist ein bißchen einseitig gesehen. Natürlich gibt es blinden Glauben und leere Rituale. In den meisten Religionen und Traditionen kommt so etwas vor. Sogar im Schamanismus, der hauptsächlich im direkten Kontakt mit den Geistern und Göttern arbeitet, gab und gibt es Aberglaube und blinden Glauben.

Wir Westler sind generell ein bißchen streng mit so etwas und mit uns selbst sowieso. Wir wollen die reine Lehre, Abweichungen oder Inkonsequenz sind nicht so unser Ding, man muss sich anstrengen, es muss nachvollziehbar sein. Gleichzeitig spüren auch wir, dass an manchem Aberglauben mehr dran ist, als wir zugeben möchten. Es gibt kaum jemanden, der nicht seine kleinen Schrullen und Rituale im Alltag hat.

 

Im Grunde geht es dort schon fließend in die Spiritualität über. Glaube ist was man glaubt, im Sinne einer Religion auch ein mehr oder weniger fest umrissenes Gerüst, an das man sich halten kann. Das wird heute oft als unfrei abgewertet. Auch das kann man so oder so sehen.

Was für den einen Unfreiheit ist, ist für andere lieb gewonnene Tradition und Halt in schweren Zeiten. Es hat auch Vorteile, wenn einem Mantren oder Gebete bereits in Fleisch und Blut übergegangen sind, so dass im Notfall sofort eine tiefe Verbindung da ist.

 

Wenn wir es ganz einfach sagen wollen: Spiritualität ist, wenn es echt ist, wenn es aus dem Herzen kommt. Welche Form man dafür wählt, ist so individuell, wie wir alle sind. Manche finden Erfüllung und spirituelle Verbindung in ihrer Yoga Praxis. Für andere ist es ein Spaziergang in der Natur, ein Ritual, ein Gebet oder eine Meditation. Die meisten Menschen praktizieren nicht nur eine Sache. Das ist auch gut so, viele Wege führen dorthin und meist muss man erstmal ein bißchen suchen, bis man sein´s gefunden hat.

Im Grunde ist auch unser Alltag Spiritualität, wenn es gut läuft (das tut es nicht immer, aber wie oben angesprochen wollten wir ja nicht mehr so streng mit uns sein). Wir alle befinden uns im großen Netz der Verbindungen. Wir können da gar nicht raus. Selbst wenn wir uns hinstellen und sagen: Ich bin Atheist, an verfeinerte Formen der Psychologie glaube ich nicht und mit dem Tod ist Schluss, sind wir ein Mensch, der eben so denkt – im großen Netz des Lebens.

Wir können gar nicht »verloren gehen«, auch wenn wir uns manchmal so fühlen. Auch das gehört zum Leben dazu und ist nur ehrlich. Spiritualität ist nicht Wellness und die Traditionen weltweit kennen das, was man bei uns »die dunkle Nacht der Seele« nennt. Ein Zustand abgeschnitten von allem. Wenn es uns schlecht geht, sind wir wenigstens noch dabei. Es ist mies, aber man fühlt sich immerhin noch vorhanden und eingebunden. Abgeschnitten zu sein ist die wirkliche Herausforderung.

Ist es nicht auffällig, dass gerade in unserer Zeit so viele Menschen an Depressionen leiden? Die Symptome der »dunklen Nacht« sind so gut wie identisch mit denen einer schweren Depression: man empfindet nichts mehr, alles ist hohl, man ist – aus schamanischer Sicht – im wörtlichen Sinne von allen guten Geistern verlassen.

Spirit bedeutet Geist. Der Mensch kann nicht ohne seine guten Geister. Das ist eine sehr alte Erkenntnis, wie die zahlreichen Traditionen für Seelenrückholungen und auch viele Reinigungsrituale in den unterschiedlichsten Kulturen zeigen.

Für viele Menschen bringt Spiritualität wieder Licht in diese Situation, sie ruft die guten Geister zurück, die Lebensgeister. Natürlich nicht in Konkurrenz zu einer gut fundierten Behandlung, sondern als Ergänzung, als zusätzliches Plus. Und natürlich muss man nicht erst schwer erkrankt sein, um dem Leben etwas mehr Licht zu geben.

 

Für viele stellt sich die Frage: Wo anfangen? Es gibt so vieles, wie findet man seinen Weg? Viele Menschen bekommen kleine Winke. Man sollte wirklich nicht zu viel nachdenken, sondern mehr nachfühlen. Was »zieht« mich förmlich zu sich?

Wir machen oft Umwege, weil wir gutgemeinten Ratschlägen folgen oder denken: Man sagt, das ist gut für xyz, das passt zu dem, was ich brauche. Und dann – ich will ja nicht schon wieder damit anfangen – sind wir auch noch so streng. Es muss schon was »richtiges« sein, etwas halbgewalktes kommt nicht in Frage. Das ist eine Form von Prestigedenken, die schnell im Weg steht in unserer Leistungs-Kultur.

 

Im Grunde braucht man nur drei Fragen, es ist ganz einfach:

  • Wo zieht es mich hin, wenn es Spitz auf Knopf steht und ich unbedingt Hilfe brauche?
  • Wo fühle ich mich zu Hause, geborgen, was wärmt mich spürbar?
  • Wo habe ich das Gefühl einen Weg zu gehen, auf dem ich immer wieder etwas dazu zu lernen kann?

Wenn du das beisammen hast, bist du auf einem richtigen Weg für dich.