Wahrsagen, Orakeln, Kartenlegen

Als Kartenlegerin wird man immer mal gefragt, wie das Kartenlegen eigentlich funktioniert, was es mit dem Schicksal auf sich hat und warum so eine nostalgische Sache sich in modernen Zeiten immer noch großer Beliebtheit erfreut. Es gibt jeher viele Theorien und Denkansätze dazu und am besten werfen wir zur Einstimmung einen kurzen…

 

… Blick in die Geschichte

Das Wort Orakel kommt vom lateinischen Wort orare, das sprechen bedeutet. Ganz ähnlich ist im Deutschen der Begriff wahrsagen. Aus der Antike ist vielen die Pythia bekannt, die im Apollo-Tempel in Delphi weissagte.

Orakel waren (und sind) eine Form der Kommunikation mit den gestaltenden Kräften des Lebens, ob man sie nun Götter, das Universum, den Großen Geist oder allumfassende Energie nennt, ist vor allem eine Frage der Kultur, aus der man kommt.

Jede Kultur hat ihre Wege des Orakelns gefunden. Knochen- und Muschelorakel sind teilweise bis heute in Gebrauch (zum Beispiel in China und Westafrika, sowie Südamerika und der Karibik) und das chinesische I Ching wird immer noch auch als Weisheitsbuch geschätzt.

Der Dalai Lama lässt sich beim Nechung Orakel von einem Trance-Medium weissagen, in unseren Breiten gab es die Runen und heutzutage vor allem die Karten. In Südamerika, aber auch im hohen Norden dienen Schamanen als „Münder“ der Gottheiten und so lässt sich das um die ganze Welt verfolgen.

Auf die eine oder andere Art gibt es überall Orakel. Sei es in Bruchstücken im volkstümlichen Aberglauben (der Glücksklee, die schwarze Katze, der Schornsteinfeger usw., die jeweils als Glücks- oder Unglücksomen gedeutet werden), bis hin zu komplexen Ritualen, bei denen ein Medium zum Vermittler zwischen den Welten wird.

Daraus wird auch klar: ein Orakel findet nicht im luftleeren Raum statt. Da ist „jemand“ der antwortet, das kommt nicht aus dem Nichts.

 

Wer beantwortet die Fragen?

Je nach Weltanschauung beantworten die Götter, die Ahnen, das Universum oder die guten Geister die gestellten Fragen.

In der westlichen Welt gibt es den psychologischen Ansatz, nach dem unser Unbewusstes durch die Bilder der Karten spricht. Dieses persönliche Unbewusste ist wiederum mit dem kollektiven Unbewussten verbunden. Eine Vorstellung, die dem Bild vom großen Göttlichen und dem persönlichen göttlichen Funken, den jeder in sich trägt, recht nahe kommt.

Wie man es nennt ist also eine kulturell geprägte Sache: die einen kleiden diese Erkenntnis in ein spirituelles Gewand, die anderen sehen psychologische Zusammenhänge. So oder so ist der Grundgedanke derselbe: es findet eine Kommunikation über Symbole statt.

 

Es sichtbar machen

Diese Kommunikation dient dazu, mit den Symbolen sichtbar zu machen, was im Alltag verborgen ist. Das Interessante daran ist, dass sämtliche Kulturen dabei den Weg über die Symbole und Zeichen gehen.

Egal ob Träume gedeutet werden, ob man Karten legt, Muscheln wirft oder in tiefer Versenkung innere Bilder empfängt: der Weg führt nie über die rational-sprachliche Seite, sondern immer über das intuitiv-bildhafte Erkennen. Man macht die Dinge im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar, bevor man sie beschreibt.

 

Nicht alles ist vorherbestimmt – aber manches ist Schicksal

Natürlich steht dabei immer wieder die Frage im Raum: Wie viel ist Schicksal, wie viel kann man selbst verändern? Man kann lange theoretisch darüber philosophieren, aber in der Praxis sieht man immer wieder, dass es beides gibt.

Es gibt diese Punkte, die einem bestimmt sind und an denen man nicht vorbei kommt. Es gibt aber auch vieles, das man tun und (manchmal fast noch wichtiger) das man lassen kann, damit es sich in eine gute Richtung weiterentwickelt.

 

Damals…

Die Entfaltungsmöglichkeiten hängen auch von der Gesellschaft ab. Früher, als jeder seinen Stand hatte und bestenfalls durch Heirat aufsteigen konnte (dann aber trotzdem nur „eingeheiratet“ war), hat sich das Kartenlegen vor allem auf das Schicksal konzentriert.

Ich habe die Geschichte einer älteren Dame gehört, die alle Leute zuerst fragte: Sind Sie was oder sind Sie wer? Damit war gemeint, ob derjenige arbeiten geht oder sich aufgrund seines Standes um Geld keine Gedanken machen muss. Diese schneidige Dame sortierte noch in den 1980ern ihr gesamtes Umfeld in diese beiden Kategorien ein und gab sich standesbewusst nur mit Menschen der Kategorie wer ab.

Sie kam aus einer anderen Zeit, der sie eisern treu blieb und was konnte man damals schon tun? War der Vater Schuster, wurde man selbst auch Schuster. Als Frau blieb einem nur auf eine gute Heirat zu hoffen oder sich als Arbeiterin oder Dienstmädchen zu verdingen. Es ist geschichtlich noch nicht lange her, dass die Lebenswege der Menschen stark vorgezeichnet waren.

Meine Oma ist in den Goldenen Zwanzigern geboren und erinnert sich noch gut an die damalige Zeit. Sie meinte einmal: Es hatte auch sein Gutes damals, denn jeder wusste wo er hingehört. Das war zwar Mist, wenn man ganz unten war, aber es gab nicht diese große Verunsicherung wie heute. Jeder kannte seinen Platz und hatte auch einen gewissen Stolz auf seinen Stand.

An manchen Kartendecks, wie zum Beispiel den Kipperkarten oder den Zigeunerkarten, sieht man die alten Stände noch sehr deutlich. Da gibt es zum Beispiel den guten Herrn, das reiche Mädchen, die Militärperson usw. im Blatt. Mittlerweile haben sich diese Karten in der praktischen Deutung den heutigen Zeiten angepasst.

 

… und heute

Denn heute ist vieles grundlegend anders. Natürlich gibt es nach wie vor gesellschaftliche Klassen, Statussymbole usw., da muss man sich nichts vormachen. Aber der Einzelne hat viel mehr Möglichkeiten sich zu verwirklichen, sein Leben in die Hand zu nehmen und etwas daraus zu machen, das früher undenkbar gewesen wären.

In den Beratungen erlebe ich oft, dass das eine ganz eigene Herausforderung ist. So viele Möglichkeiten, was macht man nur? Wo ist man richtig? Letztendlich fragen wir uns: Wo gehöre ich hin? Was ist mein „Stand“? Wo bin ich gut aufgehoben? Welche Wege bringen mir Glück?

Daher hat das Kartenlegen heute neben dem Schicksal immer im Blick, was getan werden kann oder was man besser lässt, wer mit hineinspielt in eine Situation und wie man die beste Lösung findet. Es ist freier geworden, manchmal aber fast noch wichtiger als früher, nämlich als hilfreicher Kompass im Dschungel der Möglichkeiten.